Projekte

Andere Paare. Zweierbeziehungen und Gender in der Performance- und Medienkunst
Jun.-Prof. Dr. Jenny Schrödl

Das Projekt untersucht Darstellungen von intimen Beziehungen und Gender in der Performance- und Medienkunst seit den 1960er Jahren bis zur Gegenwart, welche in ihren jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontexten von hegemonialen Beziehungs-, Geschlechter- und/oder Sexualitätsmodellen abweichen und insofern andere, minoritäre  Konzepte vom Paarsein hervorbringen. Ausgangspunkt bildet ein Panorama diverser Paarkonfigurationen, welches von Mann-Frau-Paaren (Peter Weibel & VALIE EXPORT Aus der Mappe der Hundigkeit; Daniela Comani Eine glückliche Ehe) über Männer-Paare (Elmgreen & Dragset Untitled, 1995; Falk Richter Small Town Boy) und Frauen-Paare (Split Britches; Annie Sprinkle & Elisabeth Stephens) bis hin zu Trans*-Paaren (Eva & Adele; Diane Torr & Jane Czyzselska Ideal Homo) reicht. Die vier Paarkonfigurationen sind nicht als stabile oder ontologisch gegebene, sondern als hergestellte, historische und offene Größen zu verstehen, die als (heuristische) Fixpunkte fungieren, um deren Re- wie De-/Konstruktion die verschiedenen künstlerischen Arbeiten kreisen.

Folgende Fragen stehen im Mittelpunkt der Analysen: Inwiefern und auf welche Weisen, mit welchen ästhetischen Strategien, Erscheinungen und Wirksamkeiten werden hegemoniale Modelle von Beziehung, Geschlecht und/oder Sexualität dekonstruiert und welche anderen, alternativen Vorstellungen vom Paarsein werden entworfen? Auf welche gesellschaftliche Bilder, Darstellungsformen, Erzählungen, Styles oder Genres wird dabei rekurriert? Wie wird mit gesellschaftlichen Vorurteilen, Klischees, Privilegierungen, Diskriminierungen oder Sanktionen umgegangen, inwiefern werden Formen des Empowerments entwickelt? Durch welche Merkmale, Phasen oder Attribute (wie Körperlichkeit, Emotionen, Sexualität, Distanz/Nähe oder Trennung) werden Zweierbeziehungen in den künstlerischen Arbeiten bestimmt? Was machen die Besonderheiten der jeweiligen  Paarkonfigurationen aus, was sind aber auch Übergänge und Ähnlichkeiten zwischen ihnen?

Das Projekt schließt an theater- und kunstwissenschaftliche sowie ästhetische Performativitäts- und Genderforschungen des letzten Jahrzehnts ebenso an wie an sozial-, gender- und kulturwissenschaftliche Beziehungsforschungen, sucht diese allerdings um verschiedene Dimensionen zu erweitern und neu zu akzentuieren: so soll einerseits ein zentraler Beitrag geleistet werden in Bezug auf eine noch ausstehende Ästhetik und Politik von Paaren und Duos. Andererseits soll die sozialwissenschaftlich dominierte Gender- und Beziehungsforschung um dezidiert künstlerische und ästhetische Aspekte ausgebaut werden.

 

Love Works. Künstlerpaare im 19. und 20. Jahrhundert
Dr. Magdalena Beljan

Künstlerpaare aus dem späten 20. Jahrhundert inszenieren die Verflechtung von Arbeit und Beziehung paradigmatisch. Sie verweisen damit nicht nur auf veränderte Geschlechterverhältnisse, sondern auch auf ein historisch verändertes Verständnis von Arbeit, Kunst und Selbst. Gleichzeitig entsprechen sie mit der Engführung von Arbeit und Beziehung dem romantischen Ideal von Verschmelzung und Autarkie auf gleich doppelte Weise. So ist es nicht verwunderlich, dass Künstlerpaaren häufig unterstellt wird, ihre Gefühle füreinander seien besonders intensiv und leidenschaftlich. Mein Projekt setzt genau an diesem Punkt an, um gerade aber jene Vorannahme der besonderen Gefühlsintensität zu hinterfragen. Dabei gehe ich davon aus, dass das, was Liebe ist und sie ausmacht, von gesellschaftlichen und historischen Bedingungen abhängt.

Über die Geschichte der Liebe und der Arbeit lassen sich spezifische Modi der Subjektkonstitution und der sozialen Nahbeziehungen in den Blick nehmen. So wird nach dem Verhältnis von Liebe, Arbeit und Kunst im 19. und 20. Jahrhundert gefragt. Beziehungen werden nicht einfach als Repräsentationen von bestehenden Geschlechterverhältnissen verstanden werden, sondern in ihrer performativen Dimension betrachtet. Im Gegensatz zu anderen Paaren können Künstlerpaare ihre Beziehungen explizit zum Gegenstand ihrer Arbeit machen. Innerhalb meines Projekts sollen jedoch nicht nur solche Paare in den Fokus geraten, die gemeinsame Kunstwerke schaffen, sondern auch diejenigen, die sich künstlerisch im selben Feld bewegen wie Hannah Höch & Raoul Hausmann oder auch Paula Modersohn-Becker & Otto Modersohn. Ebenfalls wichtig scheint ein Blick auf Paare wie etwa Alfred Stieglitz & Georgia O’Keeffe und Max Ernst & Dorothea Tanning, bei denen der andere ganz offensichtlich Teil der eigenen künstlerischen Arbeit wird und umgekehrt. Der Fokus liegt damit auf dem Feld der visuellen Künste. Denn Visualität soll auch methodologisch in den Blick geraten. Neben Tagebüchern und Briefwechseln werden Fotografien und Kunstwerke als Quellen betrachtet und als ‘Bildakte’ (Bredekamp) verstanden. Liebe, so soll in dem Projekt gezeigt werden, kann in diesem Sinne als performativer Akt definiert werden, der über die Generierung von Bildern und in der künstlerischen Arbeit konstituiert und de/stabilisiert wird.

[Dieser Text ist in einer ganz ähnlichen Fassung auf der Homepage des Max-Planck-Instituts erschienen.]

Relation Work. Beziehungskonstellationen bei Marina Abramović & Ulay
Maxi Grotkopp, M.A.

Die Arbeiten des Performance-Paares Marina Abramović und Ulay (Frank Uwe Laysiepen), die in der Zeit von 1976 bis 1988 in einer ‚Symbiose’ von Privatleben und Beruf entstanden sind, können als radikale Bearbeitungen, Befragungen und Erforschung von Beziehungsdynamiken auf unterschiedlichsten Ebenen gesehen werden. In einer übergreifenden ästhetischen wie sozial-politischen Perspektive verhandeln diese Arbeiten – welche zu jenen gezählt werden können, mit denen die performative Wende in den Künsten vollzogen wurde – in exempla­rischer und zugleich einzigartiger Weise die für ihre Zeit brisanten Fragen von Identität und Differenz im Zuge postmoderner und poststrukturalistischer Identitätskonzepte. Das Projekt widmet sich einer eingehenden Untersuchung der performativen Hervor­bringungen von Beziehungen in den Arbeiten des Paares. Eine zentrale Rolle spielt hier die mittlerweile legendäre Projektreihe der Relation Work (1976/1977), in welcher sich die beiden in sehr formalisierten Aktionsrahmen und mit starkem körperlichem Einsatz an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belast­barkeit führen. An Hand dieser ebenso wie späterer Arbeiten – u.v.a. Rest Energy (1979), The Brink (1979), Nightsea Crossing (1981-86) und (nicht) zuletzt The Lovers. The Great Wall Walk (1988) –, wird gefragt, welche verschiedenen Beziehungs­konstellationen je speziell ausgehandelt werden und inwiefern die hier erscheinenden (De-)Figurationen auf traditionelle Beziehungsmodelle rekurrieren (wie der romantischen Liebe, der biologischen Verwandtschaft, der Freundschaft, der Arbeitsbeziehung etc.) bzw. diese dekonstruieren.

Dabei soll dem im Laufe ihres Schaffens zunehmend in den Vordergrund rückenden Aspekt des Bildhaften und damit einer dezidiert intermedialen Inszenierungspraxis zwischen Performance, Fotografie, Video und Bildender Kunst nachgegangen werden: Inwiefern bleibt jede Form der performativen Hervorbringung von Beziehung als ‚Symbiose’ stets an Wahrnehmung, Perspektive, Imagination und images gebunden? Welche spezifischen Qualitäten entfaltet die Darstellung von Beziehung im Spannungsfeld von stillgestellter Bildhaftigkeit und flüchtiger Performance?

Obgleich die Arbeiten von Abramović und Ulay das Zentrum der Untersuchung bilden, arbeitet das Projekt daran, Verbindungslinien zum kulturhistorischen, sozial-politischen und philosophischen Kontext herauszupräparieren. Zugleich sollen exemplarisch vergleichende Perspektiven auf Projekte anderer Kunst-Duos von den 1960ern bis in die Gegenwart aufgezeigt werden.