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Kunst-Paare. Beziehungsdynamiken und Geschlechterverhältnisse in den Künsten

Die Junior Research Group thematisiert aus theaterwissenschaftlicher, kulturwissenschaftlicher und historischer Perspektive die Re-/Präsentationen von zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die damit verbundenen Inszenierungen von Geschlechterverhältnissen und Emotionen in den darstellenden und bildenden Künsten vom späten 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Beziehungen ebenso wie Geschlechter sind keine natürlichen oder statischen Gegebenheiten, sondern werden durch performative Akte erst hervorgebracht und sind entsprechend als dynamische, heterogene und historische Größen zu verstehen. In den künstlerischen Arbeiten werden Zweierbeziehungen auf komplexe Weise verhandelt, wobei geschlechtsspezifische Aspekte eine entscheidende, aber keine ausschließliche Rolle spielen: Sexualität, Emotionalität, Liebe, Alter, Macht, Arbeit oder (Inter-)Subjektivität sind ebenfalls zentrale Thematiken, die in der Nachwuchsgruppe untersucht werden.

Im Zentrum der Analyse stehen zwei Arten von „Kunst-Paaren“: einerseits sogenannte ‚Künstlerpaare‘, welche die vermeintlich klaren Grenzen von Kunst und Leben, von Arbeit und Liebe, von fiktiver und realer Beziehung oder von Hetero- und Homosexualität verschwimmen lassen; andererseits werden ‚Paare in den Künsten‘ betrachtet, also Inszenierungen von Zweierbeziehungen in theatralen Aufführungen oder Performances, in der Fotografie, Malerei, Installations- oder Medienkunst. Die Gruppe versteht das Paar als artifizielles und soziales Gebilde, das seine Erscheinungsform, Funktion und Bedeutung in einem je spezifischen historischen und gesellschaftlichen Kontext erhält. Die Künste übernehmen hier die entscheidende Funktion, nicht einfach gesellschaftliche Realitäten von Paaren abzubilden, sondern vielmehr Bilder und Vorstellungen von Zweisamkeit und Geschlechtlichkeit zu präsentieren und wahrnehmbar zu machen, die wiederum auf die Gesellschaft einwirken, bestimmte Konzepte bekräftigen, andere subvertieren oder modifizieren können. Zwischen Kunst und Gesellschaft zirkulieren Paar-Vorstellungen, die durch ästhetische Techniken, Genres und Kontexte an sinnlicher Plastizität, Erfahrbarkeit und Wirksamkeit, ja an Realität gewinnen. Hervorgehoben wird mit dem Konzept ‚Kunst-Paar‘ eine genuine Ästhetizität sowie Medialität des Paares, welche in der sozialwissenschaftlich ausgerichteten relationship-Forschung tendenziell untergeht. Umgekehrt widmet sich die theaterwissenschaftliche und ästhetische Forschung bislang kaum Fragen der Aufführung und Darstellung von intimen Beziehungen, ebenso wenig spielt die Paar- bzw. Duo-Inszenierung eine entscheidende Rolle, solistische und kollektive Formen dominieren hingegen die bisherige Forschung. Aus emotionshistorischer Perspektive wiederum ist vor allem die Engführung von Arbeit und Gefühlen beim ‚Kunst-Paar‘ interessant. Inwiefern bedingen und beeinflussen sich Arbeits- und Gefühlspraktiken? Welche Liebes- und Beziehungskonzepte stehen im Vordergrund? Zugespitzt formuliert: Lieben Künstler_innen anders?

Vor diesem Hintergrund hat sich die interdisziplinäre Gruppe zum Ziel gesetzt, mit der Untersuchung verschiedener Beziehungs- und Geschlechterfigurationen in den Künsten zu einem vertieften und neuartigen Verständnis vom Paar beizutragen; folgende Fragen stehen dabei im Vordergrund: Wie, mit welchen ästhetischen Techniken und Materialien werden in theatralen und bildenden Künsten Paarbeziehungen und Geschlechterverhältnisse zur Erscheinung gebracht und inszeniert? Auf welche gesellschaftlich vorherrschenden Modelle von Beziehungen und Paaren wird rekurriert, auf welche ikonischen, emotiven, sprachlichen, körperlichen, musikalischen, filmischen, populärkulturellen (etc.) Darstellungskonventionen, Narrationen und Gattungen wird Bezug genommen? Welche Rolle spielen der Wandel und die Pluralität von Beziehungsformen in künstlerischen Kontexten? Inwiefern werden traditionelle Beziehungsformen und Geschlechterverhältnisse in den Künsten affirmiert und/oder subvertiert? Inwieweit werden andere oder neuartige Beziehungsformen erfahrbar und vorstellbar gemacht?